(HealthTech Wire / Interview) - Als erstes Klinikum in Europa ist das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) von HIMSS Analytics mit der Stage 7 des EMRAM-Awards für die elektronische Patientenakten ausgezeichnet worden. Gelungen ist das mit Hilfe des Klinikinformationssystems Soarian® Clinicals und der Archiv-und Dokumentenmanagementlösung Soarian® Health Archive von Siemens. Dr. Peter Gocke, Leiter der Informationstechnologie am UKE, berichtet im Gespräch mit HealthTech Wire über seine Erfahrungen mit einem weitgehend papierlosen Krankenhaus.
Warum ist der Einsatz von durchgängigen IT-Lösungen im Krankenhaus heutzutage so wichtig?
Wir haben irgendwann feststellen müssen, dass Papier als Informationsträger nicht mehr schnell genug ist, um die heute allerorten nötige Interdisziplinarität abzubilden. Nachdem wir dann aber angefangen hatten, das Papier punktuell zu ersetzen, zeigte sich, dass ein „Krankenhaus der zwei Geschwindigkeiten“, in dem Papierdokumentation und digitale Dokumentation nebeneinander existieren, neue Gefahrenquellen produziert, weil einzelne Mitarbeiter nicht genau wissen können, ob nicht doch noch irgendwo auf Papier relevante Daten versteckt sind. Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir die durchgängige Digitalisierung in Angriff genommen. Was noch dazu kommt: Wenn IT-Systeme bei der Entscheidungsfindung helfen sollen, dann müssen auch alle Daten in diesen Systemen verfügbar sein.
Warum haben Sie sich für den Einsatz der Siemens IT-Lösung Soarian Clinicals entschieden?
Wir haben uns am Markt umgesehen und festgestellt, dass dieses System die meisten der Funktionen erfüllt, die wir erwarten: Es ist eine moderne, webbasierte Plattform, die modular aufgebaut ist, Prozesse unterstützt und die erforderlichen Voraussetzungen für Datenschutz und Datensicherheit mitbringt. Gerade dieser letzte Punkt ist uns sehr wichtig. Denn es ist völlig klar, dass andere Anforderungen an den Datenschutz gestellt werden müssen, wenn alle Daten über ein System zugänglich gemacht werden.
Wie haben Sie das Datenschutzkonzept konkret umgesetzt?
Das Grundprinzip ist, dass wirklich nur der Mitarbeiter auf eine Information zugreifen kann, der diese für die Behandlung des betreffenden Patienten benötigt. Um das umzusetzen, haben wir ein Rollen- und Berechtigungskonzept entwickelt das 8.000 einzelne Benutzer optimal unterstützt. Das ist ein erheblicher Aufwand, aber die Praxis zeigt, dass es gut funktioniert. Die Identifikation am Rechner soll jetzt zunehmend über einen high tech - Fingerprint-Reader mit Lebenderkennung erfolgen. Hier wollen wir jetzt eine Vereinbarung mit dem Personalrat unterzeichnen und dann jetzt die ersten 2000 Tastaturen mit entsprechenden Sensoren ausrollen.
Wo sehen Sie konkret die Stärken von Soarian Clinicals?
Die große Stärke ist sicher, dass die Informationen grundsätzlich da zur Verfügung stehen, wo sie benötigt werden, und zwar alle in einem System. Auch der Zugriff auf Daten in Subsystemen erfolgt über Soarian Clinicals. Eine weitere Stärke ist, dass der mobile Zugriff von zu Hause aus so gut unterstützt wird, beispielsweise für Ärzte in Rufbereitschaft. Das UKE stellt dafür eigene Notebooks zur Verfügung, bei denen ein Token ein Einmalpasswort generiert. Seitens der IT gefällt uns vor allem, dass das System hinsichtlich der Gestaltung der Nutzeroberfläche flexibel ist. Wir bekommen mittlerweile eine ganze Reihe von Anfragen bezüglich der Darstellung der Daten in unterschiedlichen Situationen. Hier können wir unseren Klinikern weit entgegen kommen, wollen aber natürliche eine gewisse Standardisierung beibehalten.
Können Sie zwei Beispiele nennen für Behandlungsprozesse, die Sie digitalisiert haben und die für den Versorgungsalltag relevant sind?
Ein gutes Beispiel war die EHEC-Krise Anfang des Jahres. Hier mussten wir am UKE innerhalb kurzer Zeit eine große Zahl von Patienten schnell diagnostizieren und adäquat versorgen. Unsere EHEC-Spezialisten haben sich mit Kollegen deutschlandweit auf ein standardisiertes Vorgehen verständigt. Das wurde dann an uns in der IT-Abteilung herangetragen mit der Bitte, einen entsprechenden Behandlungspfad zu generieren. Dafür haben wir gerade einmal einen Tag gebraucht. Das geht sicher nicht immer so schnell. Aber es zeigt doch, dass der Aufwand beherrschbar ist. Ein anderes Beispiel ist die Dokumentation des Pflegezustands. Hier wurde insofern medizinische Intelligenz hinterlegt, als aus den Pflegedaten bestimmte Risikoscores berechnet werden, etwa für die Entstehung eines Dekubitus. Die Software empfiehlt dann individuell vorbeugende Maßnahmen. Insgesamt werden Arbeitsabläufe vereinfacht, weil sie auf Basis gesicherter Standards mit Hilfe des Systems fest im Behandlungsprozess verankert werden können.
Das UKE ist als erstes Klinikum in Europa von HIMSS Analytics mit der Stufe 7, der höchsten Stufe des EMRAM-Awards für elektronische Patientenakten ausgezeichnet worden.
Fühlen Sie sich selbst als komplett papierloses Krankenhaus?
Die Stufe 7 ist streng genommen keine Auszeichnung für ein komplett papierloses Krankenhaus, sondern sie bescheinigt, dass überall Systeme vorhanden sind, die papierlos arbeiten, und dass diese auch genutzt werden. Der entscheidende Punkt ist, dass es nirgendwo ein Stück Papier gibt, das behandlungsrelevante Informationen enthält und das nicht auch digital vorliegt. Bestimmte Dokumente gibt es weiterhin auch auf Papier, vor allem solche, die von Patienten unterschrieben werden müssen und aber dann sofort in Soarian eingescannt werden.
Welchen Eindruck hatten Sie von dem Audit, das der Auszeichnung voraus ging?
Das fand ich schon recht eindrucksvoll. Zunächst gab es am Vorabend ein intensives Gespräch mit der Geschäftsführung. Und dann haben sechs Auditoren einen ganzen Tag lang Prozesse beobachtet und Interviews geführt. Die schauen teilweise auch mal in Schränke oder hinter den Tresen, um zu sehen, ob nicht doch noch irgendwo Papier liegt. Sie geben sich wirklich Mühe, Schwachstellen zu finden.
Was merken die Patienten von „Stufe 7“?
Die Patienten nehmen das durchaus positiv zur Kenntnis. Vor allem merken sie, dass jeder Arzt, den sie treffen, schon über sie Bescheid weiß. Sätze wie ‚Ich habe gerade Ihre Akte nicht’oder ‚wir haben das Ergebnis der Untersuchung noch nicht erhalten‘ kommen nicht mehr vor. Ein Patient hat gesagt, ihm sei aufgefallen, dass plötzlich alle Befunde schon da sind, wenn er aus dem Röntgen zurück auf Station kommt. So fühlt sich der Patient gut und sicher versorgt, das freut uns natürlich besonders.
Dr. Gocke, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)
© HealthTech Wire. Wir bedanken uns bei SIEMENS Healthcare für die Unterstützung dieses Interviews.
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Quelle: HealthTech Wire für das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

