(HealthTech Wire/ Interview) - Aus Philips Medizin Systeme wird Philips Healthcare. Mit dem neuen Namen kommt eine neue Strategie: weg vom Lieferanten einzelner Modalitäten hin zum Lösungsanbieter. In den Mittelpunkt rückt der Patient – und wird als Konsument neu entdeckt. „Der umfassende Einsatz von Informationstechnologie macht das möglich“, sagt Alexander Britz, Direktor Healthcare Informatics für Philips in Deutschland, Österreich und Schweiz, auf der conhIT 2008 – dem Berliner Branchentreffen für Healthcare IT.
Herr Britz, wo steht Philips mit dem Bereich Healthcare IT?
Bisher baute Philips Geräte, sehr gute Geräte. Jetzt arbeiten wir an übergreifenden, integrierten Lösungen für den gesamten medizinischen Bereich. Dadurch rückt die Informationstechnologie als verbindendes Element ganz klar in den Fokus.
Während wir uns in der Vergangenheit auf Abteilungssysteme konzentrierten, z.B. auf das Thema PACS und RIS oder auf ein kardiologisches PACS, zeigen wir auf der conhIT Lösungen, die den abteilungsübergreifenden Workflow abbilden. Das ist neu.
Der Grund? Die Arbeitsweise der Krankenhäuser, unserer Kunden, hat sich geändert. Wir haben heute kein singuläres, abteilungsbezogenes PACS. Ein PACS ist ein Instrument für das gesamte Krankenhaus - wenn es richtig bedient und genutzt wird. Die Systeme, die wir hier auf der conhIT zeigen, sind deshalb umfassender. Ein System wie CareServant hätten Sie früher bei Philips nicht gefunden.
Mit CareServant wendet sich Philips an Patienten – bündelt verschiedene Kompetenzen in einer Konsumentenlösung für das Patientenbett. Ein schickes Spielzeug oder steckt mehr dahinter?
CareServant ist ein Multimediasystem, das Patienten u.a. Zugriff zu Fernsehen, Radio oder Internet – aber auch zur Menükarte der Krankenhausküche gewährt. Man kann im Krankenhausshop einkaufen, telefonieren und umfangreiche Informationsangebote abrufen. Daher ja, ein nettes und sicherlich sinnvolles „Spielzeug“, das entscheidend zu mehr Patientenkomfort beiträgt.
Komfort ist gut und wichtig, da die Ansprüche gewachsen sind. Neu ist, dass die Komfortsteigerung genutzt wird, um den Arzt zu unterstützen und die Prozesse im Krankenhaus zu optimieren. Hier kommt die medizinische Komponente ins Spiel: Durch die Anbindung an die Patientenakte oder das Krankenhausinformationssystem erhalten Ärzte und Pfleger Zugriff auf wichtige klinische Informationen, direkt am Patientenbett. Der Patient kann mit medizinischen Informationsvideos umfassender aufgeklärt werden und die Informationsversorgung des medizinischen Personals wird verbessert.
In den Minuten der Arztvisite ist CareServant ein sinnvolles Werkzeug, in den Stunden dazwischen eine Informationsquelle für die Patienten.
Der Patient informiert sich also selbst, um den Arzt zu entlasten?
Der Patient kann sich vorbereiten, um dem Arzt gezielter Fragen zu stellen. Ich bin überzeugt, dass das Gespräch mit dem Arzt elementar bleibt und es wird vermutlich sogar mit einer höheren Intensität geführt werden.
Patientenkomfort und -sicherheit sowie Entscheidungshilfen für Ärzte sind heute die dominierenden Themen, Effizienz scheint etwas in den Hintergrund zu rücken.
Effizienz ist weiterhin ein Thema – nicht jedoch die reine Effizienzgewinnung mittels Digitalisierung. Früher hieß es, ich muss jetzt meine Röntgenbilder nicht mehr suchen. Davon gehen wir heute einfach aus.
Wir gehen z.B. im Bereich iSite PACS einen Schritt weiter und fragen: Wie gewinnt man an Effizienz, wenn man sich nicht mehr um die zentrale Hardware, die Server etc., kümmern muss, sondern ausgelagerte Lösungen nutzt? So wie Banken das machen. Oder nehmen Sie die Kosteneffizienz: Sie können Systeme anschaffen ohne einen einzigen Euro investieren zu müssen. Pay-per-use ist der neue Trend. Bezahlt wird das, was man tatsächlich nutzt.
Für Philips steht jedoch der Patient im Mittelpunkt– in allen Bereichen. Unser Thema ist die Entwicklung von Lösungen rund um ein medizinisches Problem.
Welche medizinischen Probleme? Gibt es Kernbereiche?
Die Intensivmedizin und die Kardiologie sind beispielsweise Kernbereiche. Hier haben wir uns gezielt verstärkt – auch durch Firmenzukäufe. Die Firma TOMCAT, welche seit März Teil von Philips ist, liefert ein Informationssystem, das sich quasi über den gesamten Bereich der Kardiologie legt. Sämtliche Daten werden in verständlicher und übersichtlicher Form für den Arzt aufbereitet und tragen so zu einer schnelleren Entscheidungsfindung bei.
Im Bereich der Intensivmedizin steht die lückenlose Patientenüberwachung und –datendokumentation im Vordergrund. Fehler müssen vermieden werden, die in der Vergangenheit schlicht und ergreifend dadurch entstanden sind, dass verschiedene Werte für den Patienten in handschriftlicher Form festgehalten worden sind.
Ein übergreifendes Informationssystem für das Krankenhaus gibt es von Philips jedoch noch nicht.
Wir haben kein Krankenhausinformationssystem, da dieses heute primär für administrative Zwecke eingesetzt wird. Wir gehen davon aus, dass das nicht reicht.
Wir sehen den Mehrwert in Systemen, die Informationen aufbereiten und strukturiert zur Verfügung stellen und dadurch die Abläufe in modernen Krankenhäusern praxisgerecht unterstützen. Solche Systeme sind für uns durchaus interessant.
Im OP-Bereich bieten wir ein Datenmanagement-System an, dass ganz gut zeigt, wie weit man bereits heute gehen kann: Hier wird eine Operation über verschiedene Kameras aus den verschiedensten Blickwinkeln komplett live übertragen. In Universitätskliniken können Studenten so am tatsächlichen Fall lernen ohne in den OP eingeschleust werden zu müssen. Zur Auswertung der OP, gerade bei Komplikationen, können diese Informationen herangezogen werden. Das sind Informationssysteme mit wirklichem Mehrwert für alle Beteiligten – die wir zukünftig auch mobil zur Verfügung stellen wollen.
Womit Interoperabilität und Datenschutz zu Kernaspekten ihrer Entwicklung werden dürften.
Richtig, Sie müssen heute die Interoperabilität lösen und Sie müssen das Thema Integration in verschiedene, eigene wie auch Fremdsysteme, leisten können. Eine Insellösung unterstützt niemanden. Beim Datenschutz hingegen, brauchen wir eine Vereinheitlichung – sowohl zwischen den Bundesländern als auch den Trägerschaften. Diese kann gern streng sein, denn als Patienten wollen wir geschützt werden. Aber sie muss einheitlich sein. Zurzeit leisten wir uns unglaublich viel Bürokratie und eine immense Komplexität.
Letztendlich müssen wir uns immer fragen, wie wir mehr Qualität in das Gesundheitssystem hinein bringen?
Niedergelassene Ärzte haben sich dazu mit Krankenhäusern vernetzt, die wiederum schließen sich immer häufiger zu Krankenhausgruppen zusammen, sie bilden Spezialkompetenzen aus und liefern Hochleistungsmedizin. Der Datenschutz, der in manchen Punkten sehr streng ist, wird den Gegebenheiten des aktuellen Arbeitens in Krankenhäusern nicht mehr gerecht. Wie stellen wir sicher, dass das Haus A in einem legitimierten Fall auf Daten des Patienten zugreifen kann, der vorher in Haus B behandelt wurde?
Datenschutz muss daher nicht nur streng sein, sondern auch integrales Arbeiten in den verschiedenen Häusern der Krankenhauslandschaft ermöglichen.
Viel zu tun für Anbieter von IT Lösungen und Krankenhäuser – bleibt da noch Geld für den Patientenkomfort und ein System wie CareServant?
Intelligente IT Lösungen sparen Geld, da sie die Optimierung der Abläufe im Krankenhaus ermöglichen bzw. unterstützen. Daher sind solche Investitionen unabdingbar. Außerdem bieten wir flexible Finanzmodelle an um Krankenhäusern die Beschaffung zu erleichtern.
Kliniken stehen miteinander deutlich im Wettbewerb, Marketing wird immer wichtiger. Der Patient kann meistens nur die Qualität der Dienstleistung, nicht jedoch die medizinische Leistung bewerten. CareServant trägt daher diesem neuen Bewusstsein Rechnung: Die Gesamtheit der positiven Erfahrungen während eines Krankenhausaufenthaltes ist ausschlaggebend – und dazu zählt nicht zuletzt der Komfort des Patienten.
Herzlichen Dank für das Gespräch. (AS)
###
Alexander Britz arbeitete nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Technischen Hochschule Darmstadt sowie dem Studium der Creative Studies am State University College Buffalo, NY (USA) als Unternehmensberater in den USA.
Anschliessend war er im Bereich Marketing Asia/Pacific für Philips Semiconductors mit Fokus auf Produkte für die Automobilindustrie und Smartcards tätig.
1999 übernahm Herr Britz die Funktion des Marketingleiters für Philips Licht in Deutschland, Österreich und der Schweiz und wurde 2003 als European Sales & Marketing Manager für die europäischen Vertriebs- und Marketingaktivitäten von Philips Lighting im Bereich Special Lighting/Infrarot mit Sitz in Frankreich verantwortlich.
Seit 2005 verantwortet Alexander Britz als Direktor bei Philips Healthcare die IT-Aktivitäten von Philips im Gesundheitswesen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

