„Vollständigkeit, Echtzeit, Verfügbarkeit - Dokumentation ist ein wesentlicher Qualitätsbestandteil der Patientenbehandlung.“

(HealthTech Wire / Interview) – Stefan Herm, Vizepräsident (VP) und Geschäftsführer (MD) EMEA bei Nuance Healthcare ist ein Kenner der europäischen Healthcare IT Landschaft. Mit HealthTech Wire spricht er über  das Potential der Spracherkennung zur Verbesserung der Versorgungsqualität und zur Kostenreduktion, warum sich Ärzte aktiv dem Thema Dokumentation stellen müssen, sowie über das richtige Produkt für die richtige Zielgruppe.

Welche Faktoren sind heute für den Einsatz von Healthcare IT ausschlaggebend?
Der Technologieeinsatz in Krankenhäusern wird heute ausschließlich von ihrem Nutzen bestimmt. Noch vor  zehn Jahren hätten die Hersteller von Krankenhausinformationssystemen den Nutzen ihrer Systeme nicht klar definieren können. Es wurden lediglich ein paar Prozesse, wie die Dokumentation, die Patientenaufnahme und die Entlassung sowie die Rechnungslegung abgebildet. Erst mit der Frage, wie steigere ich die Effizienz, rückte der Nutzen der IT in den Mittelpunkt. Hintergrund für den steigenden Effizienzdruck sind die großen demographischen Entwicklungen im Gesundheitswesen. Diese erfordern, dass wir dem wachsenden Bedarf an Gesundheitsleistungen gerecht werden ohne aus dem Kostenrahmen zu fallen. Gleichzeitig sehen wir unglaublich schnelle Innovationszyklen. Im Falle der KI-Systeme hat diese Nutzenorientierung zu einer nahe zu vollständigen Abdeckung in Deutschland geführt. Eine ähnliche Entwicklung werden wir auch bei Spracherkennung sehen.

Welchen Nutzen bietet  Spracherkennung angesichts der von Ihnen geschilderten Herausforderungen?
Ich möchte einen Punkt deutlich hervorheben: Dokumentation ist ein wesentlicher Qualitätsbestandteil einer Patientenbehandlung: Vollständigkeit, Echtzeit und Verfügbarkeit sind die Kriterien, an denen sich die Dokumentation messen lassen muss. Sind diese erfüllt steigert das die  Behandlungsqualität. Gleichzeitig gilt es die Kosten zu senken. Beides leistet Spracherkennung, indem das Diktat sofort in ein formatiertes, verfügbares und gesichertes Dokument umgesetzt wird – schneller und günstiger als jemals zuvor. Natürlich ist der Einsatz von  Spracherkennung nur da sinnvoll, wo es tatsächlich  entsprechende Anforderungen an die Dokumentation gibt.

Damit sprechen Sie die Ärzte an. Sind diese der Schlüssel zur Annahme einer sprachbasierten Dokumentation?  

Alle sind wichtig, aber ohne die Ärzte geht es nicht. Dabei heißt „annehmen“ nicht, dass der Arzt zur Spracherkennung gezwungen wird, weil ihm alle anderen Instrumente weggenommen werden. Wichtiger ist es, dass  die Ärzte erkennen, dass über die Spracherkennung eine schnelle und effiziente Form der Dokumentation herbeigeführt wird.

Ärzte überzeugt vor allem der medizinische Nutzen, wo liegt dieser konkret bei der Dokumentation mittels Spracherkennung?
Wenn Informationen, z.B. bei der Visite sofort erfasst und in der Dokumentation niedergelegt werden, erhöht dies die Dokumentationsgenauigkeit und – tiefe. Das allein verbessert schon die Patientenbehandlung. Ein gutes Beispiel sind die  Radiologen: Sie werten eine Aufnahme aus und dokumentieren parallel in Echtzeit. Bewertung und Befunderstellung gehören zusammen. Auf Krankenstationen könnte das Gleiche gelten: ich sehe etwas, ich tue etwas und ich erfasse, was ich getan habe. Die Dokumentation ist also Teil des Prozesses.

Könnte unter diesem veränderten Dokumentationsprozess die Produktivität des Arztes leiden?
Eine gefühlte Verschlechterung wäre vielleicht denkbar. Aber man darf den erzielten Gewinn nicht aus den Augen lassen: Das Dokument des Arztes ist sofort verfügbar, es ist im System und Kollegen können direkt darauf zugreifen. Die Alternative wäre doch: ein Arztbrief wird auf ein Band diktiert und kommt mit erheblicher zeitlicher Verzögerung vom Schreiben zurück (mehrere Tage sind aktuell keine Seltenheit).  Viele junge Ärzte sehen klar die Vorteile von Spracherkennung und finden nicht, dass sie dadurch langsamer geworden sind, im Gegenteil.

In welchen  Ländern kommt Nuance am schnellsten bei der Einführung von Spracherkennung voran?
Das sind die Länder  mit einer hohen Dichte an KIS-Systemen - also Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und Spanien. In den nordischen Ländern ist der Bedarf fast abgedeckt – in Norwegen haben wir z.B. eine Marktsättigung von fast 100% erreicht. In Dänemark und Großbritannien sind die Sozialdienste gerade hoch interessant; sie haben das Bedürfnis vor Ort zu dokumentieren. In Deutschland ist das noch gar kein Thema. Die Stärke von Nuance ist, dass wir unterschiedliche Produkte im Portfolio haben, mit denen wir unterschiedliche Bedürfnisse abdecken können.

Deutschland weist eine nahezu hundertprozentige KIS Abdeckung auf und somit die benötigte Infrastruktur, um  Spracherkennung schnell einführen zu können. Trotzdem geht der Prozess häufig nur langsam voran.
Das liegt daran, dass wir uns noch nicht ausreichend  der Nutzen-Diskussion gestellt haben. Der Arzt muss erfahren, dass Spracherkennung ein echter Schritt vorwärts ist; eine tolle Technologie mit einer sehr hohen Erkennungsgenauigkeit, die Zeit spart und hilft, die Dokumentation effizient zu bewältigen. Das Krankenhausmanagement muss wissen, dass Spracherkennung Kosten reduzieren kann und die Abrechnung mit den Leistungsträgern – aufgrund der schnelleren Dokumentation – beschleunigt.  

Mit welchen Produkten wird Nuance sich dieser Nutzen-Diskussion stellen?

Da wäre zum einen SpeechMagic, eine in vielen Sprachen verfügbare SDK Plattform und sicherlich eine der besten der Welt. Sie ist in vielen unserer Partnerlösungen tiefenintegriert – und ein strategisches Produkt für Europa.                                          Darauf basiert  SpeechMagic Solution Builder - eine Workflowlösung zur schnelleren Integration und Roll-Out im Krankenhaus. Diese  deckt vom digitalen Diktat bis zur Front-End Spracherkennung alle Einsatzszenarien ab und ist gut etabliert. Und  mit Dragon Medical bieten wir ein intuitives Programm zur Front-End Spracherkennung ohne Integration. So können Ärzte direkt in das Informationssystem diktieren, Fenster öffnen oder wechseln, E-Mails senden oder Informationen im Internet suchen – mittels Spracheingabe. Die Auswahl unserer Lösungen orientiert sich an den Bedürfnissen der Nutzer und ist nicht technologiegetrieben.

Erlauben sie zum Abschluss einen Blick über den Tellerrand - ist Europa mit seiner guten KIS Abdeckung in der Lage den demographischen Wandel der nächsten Jahre zu bewältigen?
Wir haben in Europa eine gute Grundlage, wir haben in den europäischen Märkten eine konkurrenzfähige IT- Infrastruktur, vielleicht sogar eine bessere als die USA. Zum anderen gibt es bereits viele Initiativen, wie z.B. die  der Cloud-Anbieter, die der großen Universitäten, mit ihren stark ausgestattete IT-Abteilungen, die regelmäßig neue Technologien adaptieren, sowohl in Deutschland wie auch in Frankreich. Das ist gut. Gleichwohl muss noch viel getan werden.    

Stefan Herm, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)

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Quelle: HealthTech Wire für Nuance Healthcare