IT-gestützte Dokumentation: Entlastung oder Belastung?

(HealthTech Wire / Interview) - Eines der Ziele der elektronischen Dokumentation im Gesundheitswesen ist die Überschreitung von Einrichtungsgrenzen, Stichwort intersektorale Versorgung. Beschränkung auf einzelne Versorgungssilos führt zu erheblicher Ressourcenverschwendungen, beispielsweise durch Doppeluntersuchungen. Im Interview skizziert Björn Arne Aune, General Manager bei Nuance Communications Healthcare DACH, wie Spracherkennung Krankenhäusern bei der Transformation hin zu prozessorientiert agierenden, zunehmend vernetzten Versorgern unterstützen kann – ohne dass dabei die Gesundheitsmitarbeiter auf der Strecke bleiben.

Immer häufiger ist in letzter Zeit zu hören, dass die deutschen Krankenhäuser die IT-Entwicklung verschlafen. In Europavergleichen landet Deutschland allenfalls im Mittelfeld. Ist das wirklich so?

Es fehlen Anreize, die deutschen Krankenhäuser helfen würden, bei der Digitalisierung stärker zu investieren. Das Bewusstsein für die Defizite wächst allerdings. Wie anderswo werden die Krankenhäuser in Deutschland zunehmend zu prozessorientierten, immer stärker vernetzt arbeitenden Organisationen. IT-gestützte Dokumentation wird jedoch von vielen Ärzten und Pflegekräften eher als Belastung denn als Entlastung empfunden wird. Der Bedarf an leistungsfähigen, nutzerfreundlichen IT-Lösungen ist hoch. In den nächsten Jahren wird sich da viel tun.

Was sind konkret die Herausforderungen bei diesem Transformationsprozess?

Anwendungen müssen dem Anwender folgen – nicht umgekehrt. (Tweet) Und digitale Anwendungen in den Krankenhäusern sind oft Insellösungen. Sie erschweren die Kommunikation zwischen verschiedenen Sektoren im Gesundheitswesen und zementieren den Status quo.

Die primäre Herausforderung ist die Einführung schlanker, IT-gestützter Prozesse, die einerseits den ärztlichen und pflegerischen Personalmangel abmildern, andererseits das Klinikum finanziell entlasten, weil sich die Produktivität verbessert. Dies muss einhergehen mit einer guten Nutzerfreundlichkeit der eingesetzten Lösungen, da sonst Akzeptanzprobleme auftreten und die Potenziale nicht gehoben werden können.

Eine weitere Herausforderung ist eine alltagstaugliche technische Umsetzung kooperativer Szenarien, sei es im Rahmen regionaler Versorgungsnetze oder bei standortübergreifend agierenden Einrichtungen. Schließlich sind auch Informationsfluss und Informationsaufbereitung wichtige Themen. Die Menge an Informationen, mit denen Ärzte umgehen müssen, wächst ständig. IT muss sicherstellen, dass die relevanten Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung stehen. Das hält nicht nur die Prozesse schlank, sondern verbessert auch die Patientenversorgung.

Gehen wir die einzelnen Punkte durch: Schlankere Prozesse sind weiterhin eines der Hauptargumente für die Einführung von Spracherkennung, richtig?

Klar. Spracherkennung erlaubt es, typische Krankenhausprozesse wie die Befundung oder die Arztbrieferstellung deutlich zu verschlanken. Wir erleben regelmäßig, dass die Zahl der Prozessschritte durch Spracherkennung halbiert wird. Das Ergebnis ist, dass Dokumente schneller verfügbar sind, sowohl bei der Entlassung als auch innerhalb des Krankenhauses. Neu ist vielleicht, dass dieser in der Radiologie schon lange bekannte Nutzen der Spracherkennung zunehmend auch außerhalb der Radiologie gesehen und eingefordert wird, speziell auch in der Inneren Medizin und Chirurgie. Wir bekommen immer mehr abteilungsübergreifende oder hausweite Anfragen.

Haben Sie dann auch zufriedene Nutzer? Wie sieht es mit der Nutzerfreundlichkeit von Spracherkennung anno 2014 aus?

Wer heute mit einem IT-System arbeitet, erwartet eine komfortable Bedienbarkeit. Wie das geht, haben Apple und Co gezeigt, und dahinter können wir heute auch im Krankenhaus nicht mehr zurückbleiben. Das müssen wir aber auch nicht. Die Zeiten, in denen hin und her kopiert werden musste, sind vorbei. Moderne Technologien erlauben es, Spracherkennung dort einzusetzen, wo der Cursor steht. „Click, and go!“ ist mittlerweile Realität, und das eröffnet der Spracherkennung ein sehr viel breiteres Einsatzfeld. Sie kann in den unterschiedlichsten IT-Systemen und Dokumentationssituationen eingesetzt werden, nicht nur am Schreibtisch, sondern auch in mobilen Szenarien direkt am Point-of-Care. Durch diesen universellen Einsatz von Spracherkennung verbessert sich auch die Verfügbarkeit von Information und damit letztlich die Versorgungsqualität.

Erlauben die Spracherkennungslösungen von Nuance eine kosteneffiziente Umsetzung  vernetzter Versorgungsszenarien?

Vernetzte Versorgungsszenarien waren in der Tat lange Zeit eine Herausforderung für Spracherkennung. Nuance hat in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet. Alle unsere Produkte sind heute nahezu beliebig skalierbar. Damit können die unterschiedlichsten Einsatzszenarien mit zentraler Lizenzverwaltung umgesetzt werden, inklusive Nutzung von Profilen durch dieselbe Person an unterschiedlichen Standorten. Insgesamt ist Spracherkennung aus unserer Sicht ein ganz zentraler Baustein bei der IT-Transformation eines Krankenhauses. Mit ihr lassen sich viele der Herausforderungen, vor denen Kliniken heute stehen, wunderbar adressieren.

Was würden Sie sich politisch wünschen, um die Krankenhäuser bei ihrem Transformationsprozess zu unterstützen?

Es fehlen ganz klar Anreize, elektronische Lösungen anzunehmen und in der alltäglichen Arbeit einzusetzen. Also würde ich mir wünschen, das Thema verstärkt in der Digitalen Agenda der Bundesregierung abgebildet zu sehen. Krankenhäuser sollten beim Aufbau einer IT-Infrastruktur unterstützt werden. Denkbar wäre auch eine Zertifizierung von Einrichtungen, die nicht nur den Entlassbericht, sondern die komplette Dokumentation elektronisch erstellen.

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„IT muss sicherstellen, dass die relevanten Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung stehen.“
„IT muss sicherstellen, dass die relevanten Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung stehen.“
Björn Arne Aune ist General Manager bei Nuance Communications Healthcare DACH
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