(HealthTech Wire / Interview) - Spätestens das Ende von Google Health stellte für alle sichtbar die Frage, wie genau es mit der IT-Umsetzung der patientenzentrierten Medizin in Zukunft weitergehen soll. Silvio Frey, Leiter Sales EMEA – Personalized Healthcare bei dem eHealth-Spezialisten InterComponentWare (ICW), sieht im Sommergespräch mit HealthTech Wire die betriebswirtschaftliche Zukunft für eHealth-Unternehmen in vernetzten Geschäftsmodellen, die Patienten, Gesundheitswirtschaft und Telekommunikationsbranche zusammenbringen.
Wie beurteilen Sie die Gesamtsituation der Gesundheitsbranche im Sommer 2011? Was sind die wichtigsten ökonomischen Trends?
Ich habe den Eindruck dass sich das Thema erster und zweiter Gesundheitsmarkt zunehmend präzisiert. Vom zweiten Gesundheitsmarkt, also dem Gesundheitsmarkt außerhalb der jeweiligen staatlichen Versorgungssysteme, wird schon lange gesprochen. Mittlerweile sehen wir diesen Trend deutlich. Der erste Gesundheitsmarkt flacht ab, der zweite gewinnt an Fahrt.
Die „große“ Gesundheitsindustrie hat derzeit einigen Gegenwind. Big Pharma tut sich schwer mit neuen Blockbustern. Und auch Unternehmen der Medizintechnikbranche haben in den letzten Wochen mit gedämpften Ausblicken und schlechten Zahlen auf sich aufmerksam gemacht. Sind die goldenen Zeiten im Medizin-Business vorbei?
Im Moment wird es für viele sicher eher schwieriger. Das ist aber immer auch eine Frage der Geschäftsmodelle. Der Trend geht in Richtung Health 2.0-Geschäftsmodelle: Es wird immer wichtiger, den Nutzen von Maßnahmen nachzuweisen, das Outcome zu belegen. Dazu ist es erforderlich, den Patienten viel stärker als bisher zu integrieren, sein Feedback einzuholen. Und hier wird es für eHealth-Unternehmen interessant, weil sich neue Geschäftsfelder öffnen. eHealth-Unternehmen bieten die Infrastruktur für vernetzte Geschäftsmodelle an. So gesehen können sie von der Gesamtsituation am Gesundheitsmarkt durchaus profitieren.
Was müssen solche neuen Geschäftsmodelle konkret leisten?
Vernetzte Geschäftsmodelle haben das Problem, dass sie ganzheitlich abgewickelt werden müssen. Dazu muss klar definiert sein, wer welche Rolle zu spielen hat. Es muss für jeden Beteiligten ein akzeptables Nutzenversprechen geben. Und die Ertragsmechanik sollte für jeden zugänglich sein. Damit das funktioniert, muss die Infrastruktur des Geschäftsmodells völlig transparent sein. Es geht darum, Wertschöpfungsnetzwerke aufzubauen, in denen Entwicklung, Vermarktung und Verkauf gemeinsam erfolgen und bei denen der medizinische Nutzen des Patienten im Mittelpunkt steht. Um das effizient abzuwickeln ist eine Infrastruktur, eine eHealth-Plattform nötig.
Wie unterscheidet sich diese Form der patientenzentrierten IT von dem, was eHealth-Unternehmen bisher angeboten haben?
Wir – und nicht nur wir – haben geglaubt, damit Geld verdienen zu können, dass wir Patienten oder Bürgern gesundheitsbezogene IT-Lösungen, also Gesundheitsakten, verkaufen. Das funktioniert aber nicht, weil die Betroffenen davon zunächst einmal zu wenig haben. Das Aus für Google Health illustriert das mehr als deutlich und spiegelt letztlich die Erfahrungen wider, die wir als ICW mit unserer LifeSensor-Akte auch gemacht haben. Im Gegensatz dazu bieten vernetzte Geschäftsmodelle die Möglichkeit, dem Patienten oder Bürger reale Gesundheitsleistungen anzubieten und damit das, was den zweiten Gesundheitsmarkt ausmacht. Das müssen nicht zwangsläufig therapeutische Angebote sein. Gesundheitsleistungen können auch aus den Bereichen Prävention oder gesundes Leben kommen. Wichtig ist aber, dass die Gesundheitsleistung im Vordergrund steht.
Was heißt das konkret für das Unternehmen ICW?
ICW bietet eine eHealth-Plattform an und damit die IT-seitige Basis für vernetzte Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen. Als Dienstleister können wir mit unserem Produkt jene Neutralität und Transparenz gewährleisten, ohne die vernetzte Geschäftsmodelle nicht funktionieren. Was wir nicht können, ist selbst Gesundheitsleistungen anbieten. Dafür brauchen wir Partner aus der Pharma- oder Medizintechnikindustrie oder aus der medizinischen Versorgung. Die dritte Säule ist der Kontakt zum Endkunden. Den sehen wir auch nicht bei uns, sondern bei Unternehmen, die diesen Kontakt bereits haben, vor allem bei Unternehmen der Telekommunikationsbranche.
Gibt es konkrete Beispiele dafür, dass diese Herangehensweise Früchte tragen kann?
Die gibt es, ja. Aber insgesamt befindet sich das Feld noch in einem frühen Stadium. Der Konzern Merck hat in den USA mit „Vree“ ein sehr spannendes Projekt für Diabetespatienten gestartet, bei dem den Patienten eine breite App-Landschaft zur Verfügung gestellt wird, mit unterschiedlichen Anwendungen, die die Patienten im Umgang mit ihrer Erkrankung unterstützen. Wir selbst sind mit dem Unternehmen Roche Diagnostics eine Entwicklungspartnerschaft eingegangen, ebenfalls im Diabetesumfeld. Andere Zielgruppen, bei denen sich solche vernetzten Geschäftsmodelle anbieten, sind beispielsweise Schlafapnoepatienten und natürlich Patienten mit medizinischen Implantaten. Wichtig ist, sich darüber klar zu sein, dass die Kunst bei vernetzten Modellen nicht im Portal oder in der App liegt, sondern in der Kollaborationsinfrastruktur. Die relevanten Daten müssen in unterschiedlicher Art und Weise ausgetauscht, gespeichert, ausgewertet und zur Verfügung gestellt werden. Für Datenverteilung und Analytik ist eine leistungsfähige und sichere Plattform nötig. Die können wir anbieten. Deswegen sehen wir mit Optimismus in die Zukunft und werden das Thema übrigens auch in einem eigenen Workshop im Rahmen des Medica Media Forums im November in Düsseldorf diskutieren.
Herr Frey, vielen Dank für das Interview. (HTW)
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Quelle: HealthTech Wire für InterComponent Ware (ICW)
"IT allein macht nicht gesünder"

