HYDERABAD, IND - (HealthTech Wire / Meinungen von Armin Scheuer) - Der Flughafen Hyderabad ist ein Symbol für Indiens wirtschaftlichen Erfolg: gut organisiert, modern, effizient. Hyderabad richtet die diesjährige Konferenz eIndia, das größte ICT Event Indiens, aus; eHealth ist ein Schwerpunktthema. Ich möchte herausfinden, welche Möglichkeiten es hier gibt.
- eHealth bedeutet eine Revolution für das private Gesundheitswesen in Indien.
- eHealth wird nicht dafür gebraucht, die Probleme einer alternden Gesellschaft zu lösen.
- eHealth muss neue Einnahmequellen eröffnen: es geht mehr um Service und Patientenbindung, weniger um die Verwaltung.
- Rund 450.000 Ausländer besuchen Indien pro Jahr, um sich einer medizinischen Behandlung zu unterziehen.
Die ersten Vorträge irritieren mich. Sangita Reddy, Leiterin der Apollo Hospital Group, berichtet über die Entwicklung und Einführung eines Krankenhausinformationssystems als Cloud Computing. Dieses verbindet das Krankenhaus, Patienten, Lieferanten, Ärzte, Apotheken und Hausärzte. Sogar eine Niederlassung auf Mauritius ist angeschlossen. Oder Dr. Karanvir Singh, CIO des Sir-Ganga-Ram-Krankenhauses in Delhi; er sagt, dass seine Ärzte bereits 50% aller Krankenakten vollständig digital erstellen - automatisierte Entlassungsberichte und ein Dashboard für die Datenanalyse motivieren sie dazu.
„Ist das Indien?“, frage ich mich. Das Land, das sich auf Platz 134 von 158 im Global Human Development Index befindet?
Ja, das ist Indien.
Im Gesundheitswesen wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft ist Indien gespalten. Fünfhundert Millionen Menschen, das sind 42% der Gesamtbevölkerung, leben laut Weltbank unter der Armutsgrenze von weniger als 1,25 USD pro Tag. Die Tatsache, dass 80% des indischen Gesundheitssektors privatisiert sind, bedeutet für sie: „Kein Zugang“. Für die indische Ober- und Mittelschicht hingegen, deren Größe der Einwohnerzahl der Europäischen Union entspricht, bedeutet das private Gesundheitswesen eine erstklassige medizinische Versorgung. Sie sind es, die SIEMENS mit einer ganzseitigen Werbung für medizinische Bildgebung im Bordmagazin einer Fluggesellschaft anspricht. Und sie sind es auch, für die eHealth gemacht wird. Das ist eine Tatsache, die ich akzeptieren muss, um Indiens digitale Revolution im Gesundheitswesen annehmen zu können.
eHealth: eine Revolution im Entstehen
Denn, eine Revolution soll es sein. Zumindest in den Augen von J. Satyanarayana, Chefsekretär des Gesundheits- und Familienministeriums vom Bundesstaat Andra Pradesh. Im Bezug auf eHealth sagt er: „Es bedeutet Wandel, einschneidende und tief greifende Veränderung – revolutionär könnte man sagen.“
Indiens privater Gesundheitssektor vermarktet sich international. Rund 450.000 Ausländer jährlich unterziehen sich hier einer medizinischen Behandlung. Schwerpunkte sind kardiovaskuläre Eingriffe und Gelenkoperationen. Die Krankenhäuser lassen von Akkreditierungsagenturen ihre Protokolle standardisieren, um die erforderlichen Genehmigungen in Bezug auf Sicherheit und Qualität der medizinischen Versorgung zu erlangen. Jene, wie das Apollo Hospital verwenden eHealth, um Abläufe effizienter zu gestalten, medizinische Fehler zu verringern, die Compliance zu verbessern und das Krankheitsmanagement zu optimieren. Sie machen das, was auch Krankenhäuser in anderen Ländern machen. Doch ihre Lösungen dafür sind andere. Apollo hat kein fertiges System von einem internationalen Händler erworben, sondern stattdessen eng mit einem zusammen gearbeitet, um ein eigenes zu entwickeln - inklusive elektronischer Patientenakten (EPA), die das gesamte Spektrum der medizinischen Versorgung abdecken.
„EPAs aus dem Ausland sind zu teuer und ob sie uns aus medizinischer Sicht von Nutzen sind, ist bis jetzt noch nicht erwiesen“, sagt Sangita Reddy und sie bekommt Unterstützung von Hr. Satyanarayana: „Die EPAs müssen unter indischen Bedingungen funktionieren. Sind sie ressourcensparend und erschwinglich und wieviel Infrastruktur ist für ihren Einsatz notwendig?“
Es sind diese „indischen Bedingungen“, welcher Unternehmen sich bewusst sein müssen, um die Entwicklung und Einführung ihrer Systeme auf die Bedürfnisse dieses Landes abzustimmen. Dank internationaler Health-IT-Unternehmen wie Tieto oder iSOFT, die mit großen Entwicklungszentren in Bangalore oder Pune tätig sind, steht das Know-how in Indien schon zur Verfügung. Reddy ist zuversichtlich, dass „diese schlauen Köpfe“ nun auch die indische Health-IT genauer unter die Lupe nehmen – und somit der eHealth-Revolution dieses Landes ihre ganz persönliche Note geben.
Probleme lösen oder Möglichkeiten schaffen?
Diese persönliche Note wird durch den Kontext deutlich, in welchem eHealth auf der eIndia diskutiert wird. Aufgrund der Tatsache, dass 50% der indischen Bevölkerung unter 25 Jahre alt ist, muss eHealth nicht die Probleme einer alternden Gesellschaft lösen, auf die Welle chronischer Erkrankungen reagieren oder Kosten sparen. eHealth ist dazu da, die Qualität der medizinischen Versorgung für jene Patienten zu garantieren, die ihre Behandlungskosten aus der eigenen Tasche bezahlen; das indische Gesundheitssystem beruht nicht auf Versicherungen. eHealth muss daher den Krankenhäusern neue Einnahmequellen eröffnen – es geht um Service und Patientenbindung, weniger um die Verwaltung.
„Es sollte uns möglich sein, unseren Patienten zu Beginn des Monsuns eine SMS zu schicken, damit sie ihre Vitamindosis erhöhen und so seltener Erkältungen bekommen“, sagt Reddy. Ein anderer Delegierter erklärt, dass man Patienten vom „Mutterleib bis ins Grab“ begleiten wolle. Diese Denkweise ist in Indiens privatem Gesundheitssektor vorherrschend und hier bieten sich viele Geschäftsmöglichkeiten. Aber vielleicht kommt noch mehr...
Indiens sechshundert Millionen Handy-Nutzer stellen einen sehr großen Markt für Informations- und Forschungsdienste im Gesundheitswesen dar. Die indischen Universitäten entwickeln Online-Medizinkurse, deren Inhalte von Kardiologie über Akupunktur bis hin zu Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum reichen. Und motiviert durch stetiges Wirtschaftswachstum gibt es erste Ansätze der Regierung, die katastrophale Gesundheitsversorgung der Armen zu verbessern. Im Bundesstaat Andra Pradesh zum Beispiel wurde ein bargeldloses Versicherungssystem, Aarogyasri genannt, für arme Familien eingeführt, das ihnen den Zugang zu medizinischer Versorgung in über 1.000 staatlichen und privaten Einrichtungen ermöglicht. Schätzungen zufolge hat dieses System seit seiner Einführung im Jahr 2007 mehr als 450.000 Menschenleben gerettet.
eIndia macht eines klar: Die eHealth-Lösungen für die boomende städtische Mittelklasse sind nicht die gleichen wie für die Armen vom Lande. Egalitäres westliches Denken kann man hier schlicht vergessen. Vielmehr muss eHealth die jeweiligen Probleme jeder Gesellschaftsschicht einzeln angehen; für die Armen wird es noch für viele Jahre ein unerfüllter Traum bleiben. Fürs Erste bin ich gespannt, wie eHealth Indiens privaten Gesundheitssektor revolutionieren wird. Sangita Reddy ist der Meinung, dass wir in ein paar Jahren auf Indien blicken und sagen werden: „Sie organisieren ihr Gesundheitswesen sehr geschickt“, und das Land wird in der Lage sein, jedem den Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Angesichts der zwar sinkenden, aber immer noch massiven Armut auf Indiens Straßen ist das nur schwer vorstellbar. Doch vor fünfzehn Jahren, als ich zum ersten Mal in Indien war, hätte ein Flughafen wie der in Hyderabad auch meine Vorstellungskraft gesprengt.
Armin Scheuer ist der Geschäftsführer von so2say communications - der Firma, die HealthTech Wire betreibt. Sie können ihn unter folgender E-Mail Adresse kontaktieren: armin.scheuer@so2say.com
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