(HealthTech Wire / Interview) - Sachverständige, Gesundheitspolitiker, Kliniken: Sie alle wollen die medizinischen Einrichtungen in Deutschland stärker vernetzen. Allein, die technischen Voraussetzungen müssen erst einmal geschaffen werden. Peter Herrmann, Geschäftsführer bei iSOFT Health, spricht mit HealthTech Wire über Zukunftskonzepte für vernetzte medizinische Organisationsstrukturen und plädiert für eine radikale Umsetzung offener Standards.
Seit der Bundestagswahl ist viel von einem Neuanfang in der Gesundheitspolitik die Rede. Als Health-IT-Konzern hat sich iSOFT schon immer auch in Sachen Versorgungsstrukturen zu Wort gemeldet. Wie sieht die medizinische Versorgungslandschaft in Deutschland in Zukunft aus?
Ich denke, es ist so langsam jedem klar, dass sich die Versorgungsstruktur wird ändern müssen. Anders können wir den veränderten Anforderungen gar nicht gerecht werden. Ich nenne nur den demographischen Wandel und die Verstädterung mit einem daraus resultierenden Ärztemangel in ländlichen Regionen. Wenn wir auch künftig den Anspruch haben, allen Menschen eine gute Versorgung anzubieten, müssen wir in stärker vernetzten Organisationsstrukturen denken. Nur so können wir ärztliche Kompetenz weiterhin flächendeckend zur Verfügung stellen und chronisch kranke Menschen so weit wie möglich in den eigenen vier Wänden versorgen.
Welche Bedeutung kommt der Informationstechnik in einem solchen Versorgungsumfeld zu?
Die organisationsübergreifende digitale Vernetzung kann diese Veränderung ganz klar unterstützen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Ohne IT ist der geschilderte Wandel gar nicht denkbar. Hier spricht jetzt übrigens nicht der IT-Manager: Ich treffe immer wieder auf Anbieter medizinischer Leistungen, die mir sagen, dass die meisten derzeit eingesetzten IT-Lösungen die neuen Anforderungen noch gar nicht hinreichend unterstützen. Es gibt also einen erheblichen Bedarf, den die Hersteller von IT-Lösungen im Gesundheitswesen sehr viel besser bedienen müssen.
Sie haben das an anderer Stelle die „große informationelle Integrationsnotwendigkeit“ genannt. Haben Sie dafür ein ganz konkretes Beispiel?
Nehmen Sie ruhig die Versorgung chronisch kranker Menschen. Hier werden künftig sehr viel stärker als bisher Homecare-Szenarien benötigt, bei denen die Patienten zu Hause betreut und telemedizinisch versorgt werden. Das funktioniert nur dann im großen Stil, wenn wir die versorgenden Einrichtungen untereinander und auch mit der Wohnung des Patienten vernetzen. Nur dann können Vitalwerte effizient überwacht oder automatische Alarmfunktionen ohne Aufwand umgesetzt werden. Voraussetzung dafür sind IT-Systeme mit offenen Standards.
Werden wir künftig statt der derzeitigen Insellösungen übergreifende IT-Systeme haben, die von allen beteiligten eines Versorgungsnetzwerks gemeinsam genutzt werden?
Es gibt da zwei unterschiedliche Ansätze. Was Sie schildern, wird beispielsweise in England gemacht, wo es mit dem NHS ein sehr stark zentralistisches System gibt. Dort wird eine komplett neue IT-Infrastruktur inklusive neuer Software für eine übergreifende Versorgung aufgebaut. Das sind gigantische Projekte, die immer wieder holpern und stolpern, die aber letztlich auch signifikante Fortschritte bringen. In eher föderalistisch geprägten Ländern wie Deutschland dürfte es anders laufen. Es gibt hier keine zentrale Behörde, die alles bestimmt. Deswegen müssen wir zu offenen Systemen kommen, die service-orientiert aufgebaut sind und die sich bei den Schnittstellen an internationale Standards halten. Das Unternehmen iSOFT hat sich sehr früh zu solchen Lösungen bekannt. Viele andere sind noch nicht so weit.
Welche Eigenschaften bringt Ihr Flaggschiffprodukt LORENZO mit, um diese Vision zu unterstützen?
Das Kernanliegen von iSOFT ist die elektronische Vernetzung von Menschen und Health Professionals. LORENZO ist in diesem Zusammenhang zu allererst ein Framework, welches die technische Basis dafür schafft, dass Informationen aus verschiedenen Organisationen verarbeitet und organisationsübergreifende Prozesse abgebildet werden können. Unser Fokus liegt also nicht in erster Linie darauf, Klinikinformationssysteme abzulösen, sondern kollaborative Szenarien abzubilden, sei es durch Portallösungen, durch die elektronische Fallakte oder durch Angebote zum Multi-Ressource-Scheduling. Vor allem letzteres halte ich für sehr wichtig: Ich habe kürzlich mit einem Klinikdirektor gesprochen, der seine Radiologie outgesourcet hatte und jetzt vor dem Problem stand, dass die Patienten zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt beim Dienstleister sein mussten. Dazu sind IT Lösungen nur unzureichend implementiert. Das LORENZO-Framework ist hierfür gut geeignet, auch übrigens für die Umsetzung von Telemedizinszenarien im Homecare-Bereich.
Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang einer nationalen Telematikinfrastruktur zu?
Ich halte das für sehr wichtig. Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, für die Identifikation auf eine relativ veraltete Technologie wie die der Chipkarten zu setzen. Aber unabhängig davon sorgen nationale Infrastrukturprogramme für ein nötiges Mindestmaß an Einheitlichkeit. Nur ein Beispiel: Die elektronische Gesundheitskarte bringt uns mit der neuen Versichertennummer eine national einheitliche Patientenidentifizierung. Das ist eine fundamentale Voraussetzung für die übergreifende Zusammenarbeit.
Welche Wünsche haben Sie an die neue Bundesregierung in Sachen Health-IT?
Ich würde mir schon wünschen, dass die Rahmenbedingungen für IT-Investitionen im deutschen Gesundheitswesen besser werden. In Deutschland wird für IT-Lösungen so wenig bezahlt wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das ist ein Problem, das allerdings auch teilweise hausgemacht ist. Insbesondere brauchen die Kliniken Anreize, in Innovationen zu investieren – nicht so wie in den Konjunkturprogrammen, wo es Geld dafür gibt, das Gebäude neu zu streichen.
Herr Herrmann, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)
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