BERLIN, DE - (HealthTech Wire / Meinung - von Armin Scheuer) - Der mobile Zugriff auf Patientendaten im Krankenhaus galt lange Zeit als „lame duck“ der Healthcare-IT. Doch dank Tablet-PC-Geräten und Cloud-Technologien steht das Thema in immer mehr Krankenhäusern plötzlich wieder auf der Agenda. Die Chancen, dass mHealth kommt, um zu bleiben, sind diesmal besser als zuvor.
- Mobile Visite mit Tablet-PCs und Cloud-Technologien als medienwirksames Thema in Krankenhäusern
- HealthTech Wire Podiumsdiskussion auf der Medica mit sechs Experten aus Krankenhaus und Industrie beleuchtete Potenziale, sowie bestehende Probleme von mHealth Anwendungen
- Probleme bei Verknüpfung von Tablet-PCs mit KIS, sowie Problemen in der Datenübertragung, Datensicherheit und Dateneingabe müssen teilweise noch optimiert werden
Mobile Visite als Medienmagnet
Mobile Visite – kaum ein anderes Thema aus dem Krankenhaus-IT-Kontext ist so medienwirksam. Kliniken, die in der Vergangenheit mobile Visiten eingeführt beziehungsweise getestet haben, generierten damit regelmäßig mediale Berichterstattung. Gerne lud man die Journalisten dabei gleich zu Beginn des Projekts ein. Wenn die Laptops ein paar Monate später still und heimlich wieder abgebaut wurden, war die Karawane längst weitergezogen. Zwar gibt es den auf den Visitenwagen geschraubten Laptop wirklich, auch im Regelbetrieb. Die Zahl der gescheiterten Projekte mit mobilen Visiten aber liegt geschätzt um den Faktor 100 höher. Gerade alteingesessene Klinik-CIOs begegnen dem Thema deswegen oft mit unumwundener Skepsis.
Doch die mobile Visite ist hartnäckig. Sie meldet sich immer wieder zurück. Im Augenblick geschieht das ungewöhnlich vehement. Und das ist kein Wunder: Seit Notebooks und Visitenterminals durch Tablet-PCs in diversen Größen ergänzt werden, lassen sich unterschiedliche Nutzerbedürfnisse sehr viel besser adressieren. Tablet-PCs gelten als robust, pflegeleicht und dank Glasoberfläche als in Sachen Hygiene unproblematisch.
„Wenn wir von Tablet-PC-Lösungen sprechen, dann ist die Hardware meines Erachtens mittlerweile ausgereift“, sagt beispielsweise Andreas Kaysler, IT-Leiter der Augusta-Krankenanstalt gGmbH in Bochum. Kaysler war einer von sechs Experten aus Krankenhaus und Industrie, die sich auf Einladung des Nachrichtendienstes HealthTech Wire bei der Medica Media im November in Düsseldorf zu einer Podiumsdiskussion versammelt hatten. Bei der Veranstaltung wurden die enormen Potenziale, aber durchaus auch die weiterhin bestehenden Probleme von mHealth-Anwendungen deutlich. So gibt es an der Augusta Krankenanstalt mittlerweile auf allen Stationen Notebooks, die über WLAN mit dem KIS kommunizieren.
Kaysler würde gerne zusätzlich Tablets einbinden, scheitert aber bisher an dem Problem der zwei Welten: „Wir finden die Brücke nicht zwischen der Anwendbarkeit des KIS-Systems und den technischen Funktionen des Tablets. Wir haben immer wieder das Problem, dass das Tablet auf Fingerbedienung geprägt ist, das KIS aber gar nicht.“
Charité erntet große Zustimmung der User zu KIS-App
Ein Krankenhaus, dem dieser Brückenschlag offenbar gelungen ist, ist die Charité Berlin, die gemeinsam mit SAP die mobile App „SAP Electronic Medical Record (SAP EMR)“ getestet hat, die jetzt breiter ausgerollt werden soll. Sie erlaubt den Zugriff auf klinische Daten aus dem an der Charité eingesetzten Siemens-KIS i.s.h.med, auf Röntgenbilder und auf Laborinformationen. Und sie erntet ausgezeichnete Kritiken der anwendenden Ärzte. Dr. Gero Lurz, Industry Presales Principle bei SAP, wundert das nicht: „Die Anwender kennen intuitive IT-Lösungen aus ihrem privaten Umfeld und fordern das jetzt auch im beruflichen Kontext ein. Allerdings können für konkrete Einsatzszenarien optimierte Apps nur entstehen, wenn sie eng mit den Anwendern zusammen entwickelt werden und die nativen Fähigkeiten eines Tablet- PC nutzen.“ Karin-Marie Tretter, Vice President Product & Portfoliomanagement, Siemens Healthcare Health Services, sieht das ähnlich: „Der Druck, den wir im Moment spüren, kommt nicht aus dem Management und auch nicht aus den IT-Abteilungen. Er kommt von den Nutzern, und damit ist die Dynamik viel größer.“ Der rasche mobile Zugriff auf Daten via Tablet- PC spare Zeit und mache Spaß, so Lurz und Tretter unisono. Anders ausgedrückt: Wenn es gelingt, dem Tablet-PC „KIS beizubringen“, dann kommt die Akzeptanz schnell.
SAP und Siemens sind nicht die einzigen, die einen Tablet-PC-Zugriff aufs KIS realisiert und damit gute Erfahrungen gemacht haben. Auch der KIS-Hersteller Tieto beackert das Feld und hat mit der „Mobile Integrated Platform for iMedOne“ ebenfalls eine App entwickelt, die Zugriff auf relevante KIS-Daten bietet. Sie wurde am Knappschafts- Krankenhaus Bottrop pilotiert. Der Rollout ist mittlerweile im Gange. Zu den Besonderheiten dieser App gehört, dass die Ärzte die Inhalte der mobilen Darstellung relativ frei filtern können, um auf diese Weise genaue jene klinische Daten mobil zur Verfügung zu haben, die sie benötigen.
Die Frage, wie sich Tablet-PCs mit dem KIS verheiraten lassen, ist freilich nur ein Teilaspekt der mHealth-Thematik. Weitere Baustellen sind Datenübertragung/ Datensicherheit, die Dateneingabe und, nicht zu unterschätzen, die Administrierung von Geräten und Nutzern. Bei der Datenübertragung innerhalb der Einrichtung gilt WLAN als gesetzt. Aber auch hier sind Theorie und Praxis oft genug noch zwei Paar Stiefel. Hagen Hupperts vom Geschäftsbereich IT der Charité gibt das unumwunden zu: „Allein die Größe der Charité macht ein flächendeckendes WLAN als Grundvoraussetzung für mobile Visiten schwierig.“ Nun ist die Charité ein Architekturkonglomerat, das Bauten aus Kaiserzeit, Weimarer Republik, DDR und 21. Jahrhundert auf nahezu einem Quadratkilometer vereint und als solches vielleicht nicht unbedingt repräsentativ. Aber das auf die grüne Wiese gewürfelte Krankenhaus privater Trägerschaft, in dem es außerhalb der MRT-Röhren praktisch überall WLAN-Empfang gibt, ist es sicher auch nicht.
Was die Datensicherheit angeht, gelten WLAN-Netze heute als ausgereift. „Mit WLAN lassen sich dieselben Verschlüsselungsszenarien umsetzen wie mit anderen Netzwerken“, betont Pablo Mentzinis vom Industrieverband BITKOM. Interessanter ist die Frage der Datensicherheit bei Zugriffen von außerhalb des Klinik-WLAN. Mit der VPN-Technologie steht auch hier eine leistungsfähige Verschlüsselungsoption zur Verfügung, die ergänzt werden muss durch ein durchdachtes Authentifizierungskonzept. Solche Szenarien sind heute durchweg machbar, sollten aber nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Ultramobil dank Spracheingabe per Cloud?
Die Frage der optimalen Dateneingabe schließlich stellt sich letztlich bei allen mHealth-Szenarien, und keineswegs nur bei Smartphone- oder Tablet-PC-basierten Lösungen. Werden Notebooks auf Visitenwagen geschraubt, bietet sich die Tastatureingabe an. Wer aber freihändig Daten eingeben möchte oder eine Dateneingabe direkt am Patientenbett anstrebt, der stößt bei der Tastatur rasch an Grenzen. Die Eingabe per Spracherkennung ist hier eine naheliegende Alternative. „Die Stärke der Spracherkennung liegt darin, dass es keine Zeitverzögerung gibt“, betont Stefan Herm, Geschäftsführer EMEA bei Nuance Healthcare. Anordnungen oder Befunde können sofort mobil erfasst werden: „Das erhöht die Qualität der Dokumentation und damit die Patientensicherheit“, so Herm. Ganz unabhängig davon kann eine Dokumentation am „point of care“ auch für die Krankenhaus-betreiber interessant sein, insbesondere dann, wenn sie beispielsweise an die ICD-Codierung oder die Ressourcenplanung gekoppelt wird. So verstanden hat mHealth keineswegs nur eine klinisch-medizinische, sondern auch eine betriebswirtschaftliche Dimension.
Spracheingabe direkt am Point of Care bedeutet aber auch, dass die Usability maximal hoch sein muss. Mit Eingabefenstern oder Editoren kann in solchen Situationen nicht hantiert werden. Kaysler hat an seiner Klinik, die Spracherkennung flächendeckend einsetzt, deswegen das brandneue Nuance Spracherkennungsangebot pilotiert, eine Cloud-basierte Lösung, die es erlaubt, nach Herunterladen eines „one-click“-Software- Plugins in allen möglichen Programmen genau dort zu diktieren, wo der Cursor hingesetzt wird. Im Zusammenhang mit mHealth-Szenarien hält Kaysler diesen Cloud- Ansatz für ideal: „Aus IT-Sicht macht dieser Ansatz mich sehr flexibel. Ich muss die Software nicht mehr ausrollen. Ich kann praktisch beliebige Endgeräte nutzen und an jedem Ort losdiktieren.“ Durchsetzen dürfte sich die Spracherkennung in mHealth-Szenarien in jedem Fall nur dann, wenn sie extrem leistungsfähig ist. Nachbessern geht nicht am Patientenbett. Für Roberto Jeschar, Director Speech Consulting bei Philips Healthcare, ist die Qualität der Mikrofone dabei ein ganz entscheidender Faktor. Im Augenblick würden in Kliniken überwiegend für den medizinischen Einsatz optimierte Handmikrofone eingesetzt, so Jeschar bei der Medica Media: „Im Zusammenhang mit Tablets und anderen Eingabegeräten zwischen Smartphone und Pad kann ich mir auch gut Headsets oder Mikrofone am Kragen vorstellen.“
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Quelle: HealthTech Wire
Armin Scheuer ist Managing Director von so2say communications, einem Unternehmen der HIMSS Media Group.
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