"Elektronische Unterstützung beim persönlichen Patientenkontakt"

ELCA | IT-Systeme | 20.08.2013

(HealthTech Wire / Interview) - Anamnese und körperliche Untersuchung sind Basisfertigkeiten eines jeden Arztes. Umso erstaunlicher, dass dafür nur wenige Software-Tools existieren, die mehr können als reine Dateneingabe. Die Internistin Prof. Dr. med. Barbara Biedermann aus Adetswil hat eine derartige Software entwickelt: Die Lösung COBEDIAS des Unternehmens COBEDIX bringt nicht nur Struktur in die Patientenaufnahme, sondern leistet auch Unterstützung bei der Diagnose. Mit Hilfe des Technologiepartners ELCA ist aus dem Prototyp jetzt ein marktfähiges Produkt geworden.

Elektronische Dokumentationslösungen sind heute in vielen Praxen und Kliniken Standard. Das Unternehmen COBEDIX stellt jetzt mit COBEDIAS eine Lösung speziell für die elektronische Dokumentation von Anamnese und klinischer Untersuchung vor. Wie kamen Sie darauf?

Viele elektronische Patientendossiers im klinischen Bereich sind letztlich Sammlungen von Dokumenten oder Freitexteingaben. Das kann zwar an sich schon sehr wertvoll sein. Es ist jedoch für die unvoreingenommene Beurteilung eines Patienten wichtig, Kenntnis der uninterpretierten Rohdaten zu haben: das sind z.B. Laborwerte. Für Daten aus Anamnese und körperlicher Untersuchung existiert diese Rohdatenebene in elektronischen Krankengeschichten nur rudimentär. Ich selbst bin klinisch tätige Ärztin und hatte immer den Eindruck, dass es in der derzeitigen Dokumentationspraxis für die persönliche, ärztliche Untersuchung grosse Lücken gibt . Es gab bisher einfach kein Instrument, um diesen Teil der Patientenversorgung strukturiert und umfassend zu dokumentieren. Um diese Marktlücke zu schliessen, haben wird COBEDIAS entwickelt.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit ELCA?

Wir haben die COBEDIAS-Software zunächst als Prototypen entwickelt und auch wissenschaftlich evaluiert. Die an sich gute Lösung liess sich aus verschiedenen Gründen jedoch nicht vermarkten. Mit ELCA haben wir einen idealen Technologiepartner gefunden, der in der Schweizer eHealth-Szene tief verwurzelt ist und der uns in unterschiedlichen Bereichen auch langfristig unterstützen möchte. Damit steht jetzt einem Vertrieb der Software nichts mehr im Weg.

Was genau leistet die COBEDIAS-Software?

COBEDIAS bietet im Wesentlichen ein grafisches User-Interface, das den Arzt durch das Patientengespräch und die körperliche Untersuchung leitet. Die Antworten des Patienten bzw. die erhobenen Befunde können direkt in die Software eingegeben werden. Grafisch organisiert werden die Daten in einer Art und Weise, die für Mediziner vertraut und ansprechend ist. Letztlich orientieren wir uns am Lehrstandard für die klinische Untersuchung, welcher bereits Medizinstudenten beigebracht wird. Eine COBEDIAS Untersuchung wird auf Knopfdruck in einer 2-seitigen Zusammenfassung ausgedruckt und als pdf zur Verfügung gestellt. Sie enthält die umfassende, medizinische Beschreibung des untersuchten Patienten.

Inwieweit kann eine derartige Lösung Ärzte bei der Diagnose unterstützen?

Das ist einer der „Unique Selling Points“ unserer Software. COBEDIAS erzeugt quasi im Nebenprodukt von jeder Untersuchung einen Datensatz mit klinischen Informationen, die für vergleichende Analysen und Abfragen zur Verfügung stehen. Das ist der grosse Vorteil einer strukturierten elektronischen Erfassung von Anamnese und Befund. Auf Basis der erfassten Daten kann COBEDIAS durch den Vergleich mit einer anonymisierten Datensammlung von anderen, gut charakterisierten Patienten mit Hilfe einer Art Mustererkennung Diagnosen wie z.B. eine Demenz oder eine Atherosklerose als wahrscheinlich oder unwahrscheinlich kennzeichnen. Die eingegebenen Daten werden mit den Referenzdaten verglichen und das Ergebnis des Vergleichs visuell dargestellt. Wir konnten in einer prospektiven, wissenschaftlichen Studie zeigen, dass diese Methode diagnostisch und prognostisch eine hohe Treffsicherheit hat. Wichtig ist dabei, dass immer der Arzt entscheidet, ob er die Untersuchung seines Patienten mit den Referenzdaten vergleichen will. Und es ist immer der Arzt, der aus diesem Vergleich selber einen Schluss zieht. Es handelt sich somit nicht um ein Expertensystem im herkömmlichen Sinn.

Das dürfte einer der Gründe sein, warum Sie Ihre Software als Web-Applikation konzipiert haben?

Ja. Auf diese Weise können wir dem Nutzer in Klinik oder Praxis Zugriff auf die Referenzdaten und damit die vergleichenden Analysen ermöglichen, und zwar unabhängig davon, ob er an einem Desktop-Rechner sitzt oder mit einem Tablet-PC am Patientenbett arbeitet. Unsere Lösung ist aber keine Cloud-Software, das muss ich betonen. Die Patientendaten bleiben lokal, im Verantwortungsbereich von Praxis und Spital und unterstehen somit der Datenschutz- und Datensicherheitsvorschrift des Betriebs. Es werden keine identifizierbaren Patientendaten irgendwo im Netz gespeichert. Die Online-Verbindung dient dem Zugriff auf die anonymisierte Referenzdatenbank, das ist alles.

Was ist aus Ihrer Sicht die Kernzielgruppe für Ihre Software?

Unsere primären Ansprechpartner sind alle klinisch tätigen Ärzte in Klinik und Praxis. In erster Linie denken wir an Internisten und Allgemeinmediziner, also Ärzte in Fachrichtungen, in denen eine umfassende klinische Untersuchung zum Kerngeschäft gehört. Deren Arbeit wird durch COBEDIAS eindeutig aufgewertet. Für andere, mehr organspezifische Fachrichtungen kann die Lösung entsprechend adaptiert werden.

Inwieweit kann COBEDIAS in existierende klinische IT-Infrastrukturen eingebunden werden? Welche Schnittstellen werden bedient?

Um eine möglichst grosse Flexibilität zu haben, stellen wir die mit COBEDIAS erhobenen Daten für die Nutzung in anderen Informationssystemen zunächst als pdf-Dokumente zur Verfügung. Unsere Erfahrung zeigt: je moderner die IT-Struktur, in welche COBEDIAS eingebettet werden soll, desto umfassender und einfacher ist die Integration. So erlaubt Praxis*Desktop der Firma Gartenmann Software AG bereits heute die Vollintegration. TriaMed von HCI Solutions AG offeriert eine Aufruffunktion und integriert so COBEDIAS in den Workflow des Praxisalltags.

Wir wünschen uns, dass künftig die Untersuchungen möglichst vieler Patienten mit COBEDIAS dokumentiert werden. So wird die Referenzdatensammlung rasch wachsen und auch für Patienten mit seltenen Krankheiten zu wertvollen, neuen Erkenntnissen führen!

Frau Dr. Biedermann, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)

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„Kein Expertensystem im herkömmlichen Sinn.“
„Kein Expertensystem im herkömmlichen Sinn.“
Die Internistin Prof. Dr. med. Barbara Biedermann aus Adetswil ist CEO der Firma COBEDIX.
Veröffentlicht in GoDirect / Newspartner

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