eHealth ist in der Realität angelangt: Das beweisen zahlreiche Pilotprojekte und ein Erlebnis-Parcours

Zahlreiche Pilotprojekte, ein neuer Besucher-Rekord, ein Erlebnisparcours und ein eigens aufgebauter Show-Case – der 10. Jubiläumskongress eHealthcare.ch überzeugte mit Informations- und Kommunikationsmitteln der Zukunft.

eHealthCare.ch | IT-Systeme | 27.09.2010

NOTTWIL, CH - (HealthTech Wire / News) - Moderne Anwendungen von IT-Systemen zur Verarbeitung von Gesundheitsdaten (eHealth) haben im Schweizer Klinikalltag Einzug gehalten. Vor allem kleine Spitäler überzeugten am Kongress mit ihren innovativen eHealth-Lösungen.

Die Rehabilitationsklinik Hildebrand in Brissago arbeitet seit Juli 2010 mit dem QualiMedical: Ein multimedialer Touchscreen-Terminal befindet sich an jedem Patientenbett. Neben Fernsehen, Internet und Telefon kann der Patient auch DVD’s schauen. Auf dem Terminal findet dieser zudem seinen wöchentlichen Therapieplan. Für das Fachpersonal besteht ein Zugriff auf die elektronische Patientenakte mit Dokumentationssystemen.

Die Rehaklinik Bellikon bietet ihren jungen Patienten im Alter von durchschnittlich 30 bis 40 Jahren ein interaktives Kommunikationssystem an. „Unsere Patienten sind an moderne Kommunikationsmittel gewöhnt“, erklärte Roland Sturzenegger, Leiter der IT in Bellikon, den Grund, „deshalb müssen wir diese auch in der Klinik anbieten.“ Neben dem Zugang zum Internet werden in Bellikon Teile der Krankengeschichte und Therapieziele mittels Beamer direkt am Bett mit dem Patienten besprochen. Derzeit läuft ein Pilot mit Wi-Fi-Pagern. Diese informieren Patient und Personal über den individuellen Terminplan und aktuelle Verschiebungen.

Universitätskliniken hinken bei eHealth hinterher

Von einem solchen Innovationsschub ist man in der Universitätsklinik Basel noch weit entfernt. „Die rechtlich administrativen Probleme sind gross“, sagte Jürg Lindenmann, Leiter Prozessunterstützung und Informatik, am Symposium. Deshalb gibt es am Basler Universitätsspital nur punktuelle Lösungen, „die zudem abhängig sind von einzelnen Leuten“, so Lindenmann.

Auch die Einführung der SwissDRG wird in Schweizer Spitälern sehr unterschiedlich gehandhabt. Im Luzerner Kantonsspital läuft bereits der erste Pilot (siehe Interview). Die Einführung funktionierte fast reibungslos. Anders sieht es am Universitätsspital Zürich (USZ) aus. Dr. Jürgen M. Müller, Direktor ICT am USZ kritisierte das Geschäftsmodell der IT-Industrie, die sich mit ihren Entwick-lungen häufig direkt ans obere Kader wendet. „Es gibt nicht nur eine Kundengruppe, die Chefärzte heisst“, sagte Jürgen M. Müller. „Die IT-Industrie muss Verständnis dafür haben, dass Mitarbeiter, Management und Leitung verschiedene Ebenen sind.“ Was nach Ansicht von Müller fehlt, sind vor allem anwenderspezifische Lösungen und eine Vernetzung über standardisierte Schnittstellen.

Hausärzte ziehen eHealth in Betracht

Doch dafür müsste man auch die Gruppe der Ärzte für IT-Systeme stärker motivieren können. Die SISA-Studie aus dem Jahre 2007 zeigt, dass nur 12 Prozent der Hausärzte eine elektronische Patientenakte (eKG) haben, aber immerhin 66 Prozent eine Umstellung in Betracht ziehen. Dr. Reto Misteli, Beauftragter eHealth der Ärztegesellschaft Baselland, sieht das Problem darin, dass die Einführung einer eKG vor allem viel Zeit kostet. Eine weitere Innovationsbremse ist das hohe Durchschnittsalter: „Viele Hausärzte stehen vor der Pensionierung“, so Misteli. Oftmals fühlen sich die niedergelassenen Ärzte einfach zu alt und gehen davon aus, dass sich die Umstellung nicht mehr lohnt.

Andere Erfahrungen hat wiederum Beat Manser, Past-Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Lu-zern gemacht. „Früher habe ich mich geweigert, irgendwelche IT-Sachen in der Praxis einzuführen. Heute kenne ich den Nutzen und zwar nachweislich“, so Manser. Der Grund für seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus: Mit dem Gesundheitsdossier EVITA hat er beste Erfahrungen sammeln können. EVITA ist ein elektronisches Gesundheitsdossier und beinhaltet die wichtigsten Gesundheitsdaten eines Patienten orts- und zeitunabhängig. Auch von der eKG ist Manser überzeugt: „Ich kann Patienten während der Sprechstunde mit Bildmaterial über die eigene Krankheit informieren, das bietet einen didaktischen Vorteil“, so Manser. Ausserdem hat er heute mehr Frei-zeit, weil er für sich wiederholende Berichte nur noch wenige Mausklicks benötigt. Mit den anderen einig ist sich Beat Manser hingegen über die finanziellen Vorteile: „Da gibt es keine. eHealth wird sich finanziell nie lohnen.“ Deshalb sind die Ärzte am Symposium auch überzeugt, dass es Incentives, sogenannte Kaufanreize braucht, damit Hausärzte auf die eKG umstellen. Als Vorbild sehen sie nordische Länder, insbesondere Dänemark, das Ärzte bei der Einführung der eKG finanziell unterstützt hat. Und zwar erfolgreich: Die Dänen nehmen in der eHealth eine Spitzenposition ein. In der Schweiz wird dieser Prozess noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Kongressausblick 2011

Die Zeit nach dem Kongress ist deshalb die Zeit vor dem Kongress: Die Planungen für den 11. Kongress eHealthCare.ch laufen bereits auf Hochtouren. Der nächste Kongress eHealthCare.ch wird neben den traditionellen Schwerpunktgebieten Ärzteschaft und Spitäler neu verstärkt auch die Ebenen von Krankenversicherern und Industrie berücksichtigen. Das kommt in diversen personellen Ergänzungen des Conference Boards zum Ausdruck. Die Teilnahme zugesagt haben Peter Indra, ehemaliger Vizedirektor im Bundesamt für Gesundheit (BAG) und designierter CEO der Krankenkasse Swica; Pius Gyger, neues Verwaltungsrats-Mitglied von santésuisse, Mitglied der Eidgenössischen Arzneimittel-Kommission und Direktionsmitglied und Leiter Gesundheitsökonomie/-politik bei der Helsana und Beat Bachmann, neuer General Manager von Johnson&Johnson Medical Schweiz.

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Quelle: eHealthCare.ch