GesundheIT im Wandel: Krankenhausinformationssysteme vernetzen, unterstützen und begleiten

Cerner | IT-Systeme | 03.09.2015

(HealthTech Wire / Interview) – Unsere Gesellschaft wird zunehmend digitaler. Schon heute speichern Menschen Fitnessdaten in Apps, dokumentieren ihren Blutdruck im digitalen Tagebuch oder lassen sich, gerade im Fall chronischer Erkrankungen, von ihrem Arzt digital begleiten. Diese Entwicklung wird einerseits durch IT gefördert, wirkt sich anderseits aber auch auf IT aus. Wie sich das Krankenhausinformationssystem (KIS) von seinem Dasein als „Verwalter“ der Patientendaten löst und Sektorengrenzen überwindet, Entscheidungsunterstützung bietet und den Patienten mit seiner persönlichen Patientenakte begleitet, erklärt Stefan Radatz, Geschäftsführer der Cerner Österreich GmbH, im Gespräch mit HealthTech Wire.

Das KIS ist das Herzstück der Kommunikationsinfrastruktur der Versorgung im Krankenhaus. Was leisten moderne KIS bereits heute?

IT, nicht nur im Krankenhaus, muss dabei helfen, die Qualität der Versorgung zu verbessern und zugleich Kosten zu sparen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, hat sich das klassische KIS weiterentwickelt. Erfüllte es ursprünglich primär die Anforderung, Patientendaten zu verwalten und eine vollständige Abrechnung zu gewährleisten, nimmt es heute als zentrale IT-Drehscheibe sämtliche im Krankenhaus generierten Daten auf und macht diese verfügbar.

Und was muss für eine optimale Versorgung künftig noch dazu kommen?

Das KIS muss beispielsweise die Bedürfnisse der Patienten noch stärker abbilden und Kooperationen über Einrichtungsgrenzen hinweg ermöglichen. Denn erst wenn Klinikern sämtliche Daten des Patienten aus z. B. Krankenhaus, Rehabilitation und niedergelassenem Bereich vorliegen, verschwinden Wissensinseln.

Die Digitalisierung und Verfügbarkeit von Daten sind also wichtige Meilensteine, aber bei Weitem nicht die letzten. In komplexen Wissensorganisationen, wie Krankenhäusern, hängt der Nutzen der IT von einem optimalen Fluss und der standardisierten Auswertung verfügbarer Informationen ab. So unterstützt, kann der Behandler Zeit für seine eigentlichen Aufgaben mit dem Patienten finden.

Einen sehr wesentlichen Mehrwert schafft die klinische Entscheidungsunterstützung. Das KIS muss die vorhandenen Informationen nutzen, um daraus Behandlungsvorschläge oder individuelle Risiken abzuleiten. Mit Blick auf das permanent zunehmende klinische Wissen kommt der IT auch im Rahmen der evidenzbasierten Orientierungshilfe eine immer größere Bedeutung zu.

Haben Sie Beispiele dafür?

Ein Beispiel für den Wert klinischer Entscheidungsunterstützung wurde kürzlich in einer Studie des Oxford University Hospital veröffentlicht. Es geht um den Einsatz einer Cerner-Lösung, die im Blutmanagement durch Entscheidungsunterstützung zu messbaren Verbesserungen geführt hat. In Kombination mit einem Ausbildungsprogramm und der Rückmeldung von Ärzten der Hämatologie konnten mithilfe der IT das Risiko für falsche oder unnötige Bluttransfusionen und die Kosten für Bestellungen reduziert werden. Um das zu erreichen, werden die Ärzte vom System aufgefordert, die Indikationen für eine benötigte Bluttransfusion zu spezifizieren. Das System prüft diese Informationen gegen Laborwerte und Transfusionsleitlinien und macht den Arzt auf Abweichungen aufmerksam. Anhand dieser Informationen konnten die Ärzte ihre Entscheidung neu treffen. IT hat sie in ihrer Arbeit wesentlich unterstützt und den Patienten vor Schaden bewahrt. Das Risiko für unnötige oder falsch dosierte Transfusionsanfragen konnte durch den Einsatz der Entscheidungsunterstützung um 70% reduziert werden.(1)

Ist Entscheidungsunterstützung der „Trend“ für eine hochwertige, zukünftige Gesundheitsversorgung?

Die Entscheidungsunterstützung schafft zweifelsohne einen Mehrwert in der Gesundheitsversorgung und ist ein Thema, das in Zukunft noch viel mehr Bedeutung erlangen wird.

Die Trends gehen noch viel weiter! Uns steht ein Paradigmenwechsel bevor. Die Medizin der Zukunft ist proaktiv und fokussiert auf alle Menschen, nicht nur auf den Patienten. Denn es gilt, den Menschen mehr einzubinden und eine langfristige Patientenakte zu entwickeln, die Daten über verschiedene Einrichtungen hinweg austauschen kann. Auf organisatorischer Ebene brauchen wir deshalb ein Gesundheitsmanagement, das über die reine Krankenversorgung hinausgeht. Das kann nur mit IT umgesetzt werden und bedeutet weit mehr als Entscheidungsunterstützung. Und um auf das KIS zurück zu kommen: Es muss sich, um diesen Trends zu begegnen, zu einem Vernetzungsinstrument entwickeln und zukünftig vor allem als interaktives Werkzeug klinische Entscheidungen unterstützen.

Wird es das klassische KIS zukünftig nicht mehr geben oder doch?

Die Rolle der IT im Gesundheitswesen wird weit über das hinausgehen, was wir als KIS oder Praxisinformationssystem kennen. Das KIS wird als zentrales System zur Steuerung des Patienten in der Versorgung einer Einrichtung Bestand haben. Es muss jedoch mehr können, um dem Anwender einen Nutzen zu liefern. Dazu muss es sich öffnen und in der Lage sein, Daten aus verschiedenen Quellen bereit zu stellen. Und das nicht nur für den Arzt sondern für den Physiotherapeuten, den Apotheker, den Hausarzt und eben auch für den Patienten. Die nächste Generation Healthcare IT entwickelt sich zu einer interaktiven, persönlichen Langzeitakte, die den Menschen aktiver einbezieht, die Zusammenarbeit aller Gesundheitsanbieter ermöglicht, die gesamte Versorgungskette abdeckt und die proaktive Versorgungssteuerung des einzelnen und ganzer Populationen unterstützt.

Das Umdenken der Menschen forciert also eine Neustrukturierung der Gesundheitsversorgung?

Genau, bei Cerner nennen wir das Population Health Management. Das meint ein Umdenken von der Automatisierung im Gesundheitswesen hin zum proaktiven Management der Gesundheit einzelner Personen oder ganzer Gruppen von Personen.  Mit Hilfe der IT identifizieren wir die Gruppen und Regionen und managen dann gezielt die Gesundheitsdaten so, dass wir jeden einzelnen Menschen mit einbeziehen können. So entstehen neue Versorgungsmodelle, in denen Gesundheitsdaten von niedergelassenen Ärzten, Fachärzten, Krankenhäusern, Kostenträgern, Pflegeeinrichtungen oder auch von zu Hause zusammengefügt werden. Wenn man diese Daten anschließend auswertet, entsteht ein viel genaueres  Bild über Individuen oder Populationen, das es ermöglicht, die Versorgungsplanung zu optimieren und auf den einzelnen Menschen in dieser Region mit seinen individuellen Gesundheitsbedürfnissen besser einzugehen. Vor allem bedeutet es aber auch, präventiv tätig zu werden und aus den Informationen rechtzeitig mögliche Risiken für die Gesundheit der Menschen zu erkennen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. So können wir mit IT einen messbaren Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung leisten.


(1) Butler, C.E., Noel, S., Hobbs, S.P., Miles, D., Staves, J., Mohaghegh, P., Altmann, P., Curnow, E., Murphy, M.E.: Implementation of a clinical decision support system improves compliance with restrictive transfusion policies in hematology patients,TRANSFUSION 2015;55: 1964-1971.

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„Die Entscheidungsunterstützung schafft zweifelsohne einen Mehrwert in der Gesundheitsversorgung und ist ein Thema, das in Zukunft noch viel mehr Bedeutung erlangen wird.“
„Die Entscheidungsunterstützung schafft zweifelsohne einen Mehrwert in der Gesundheitsversorgung und ist ein Thema, das in Zukunft noch viel mehr Bedeutung erlangen wird.“
Stefan Radatz ist Geschäftsführer der Cerner Österreich GmbH
Veröffentlicht in GoDirect / Newspartner

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