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VoiceIt: „Neue Netzwerke braucht das Land“

"Die Vernetzung innerhalb des Gesundheitswesens und darüber hinaus muss stark zunehmen."

(HealthTech Wire / VoiceIt) - Steht das Gesundheitswesen vor einem fundamentalen Umbruch? Müssen sich die etablierten Anbieter neu aufstellen? Oder ist das Gerede vom tiefgreifenden Strukturwandel nur ein Hype, der wenig mit der Realität zu tun hat? Auf dem eHealthCare.ch präsentierte Stephan Sigrist von dem unabhängigen Think Tank W.I.R.E. vorläufige Daten einer neuen Studie zu Netzwerken im Gesundheitswesen. Sein Fazit: Netzwerke sind eine elementare Voraussetzung, die Branche ist aber konservativer als gedacht.

Veröffentlicht: 19.10.2009

Sie haben Ihre Studie mit „Collaborate or Die“ übertitelt. Führt der Weg in die Zukunft des Gesundheitswesens nur über neue Kooperationsmodelle?

Ja. Das Gesundheitssystem ist heute noch stark fragmentiert und besteht aus Teilsystemen, die teilweise losgelöst von einander agieren. Um langfristige Ziele wie Qualität oder eine Steigerung der Effizienz zu erreichen, ist eine stärkere Vernetzung eine wichtige Voraussetzung. Unsere Studie hat allerdings unterschiedliche Ergebnisse geliefert. Das vielleicht interessanteste Resultat ist, dass sich die Sicht der Experten einerseits und die der Anbieter und Patienten andererseits hinsichtlich der Beurteilung der Relevanz neuer Versorgungsnetzwerke stark unterscheiden.

Wie genau haben Sie Ihre Studie konzipiert?

Wir haben ein dreistufiges Vorgehen gewählt. In einer ersten Runde haben wir Anbieter aus dem gesamten Umfeld des Gesundheitssystems befragt. Das waren einerseits traditionelle Anbieter wie Ärzte, Apotheker, die Pharmaindustrie und Versicherungen. Dazu kamen neue Player, die von Experten oft mit einem künftigen Gesundheitswesen in Verbindung gebracht werden, beispielsweise aus den Bereichen Wellness und Tourismus. Insgesamt wurden in dieser Runde 485 CEOs, Business Development- oder Marketing-Verantwortliche aus 40 Branchen befragt. In der zweiten Runde haben wir dann mit 500 Patienten beziehungsweise gesunden Personen gesprochen. Das war für die Schweiz ein repräsentativer Querschnitt. Schließlich gab es noch qualitative Interviews mit 15 nationalen und internationalen Experten. All das floss in die Endauswertung ein.

Worin bestand der Unterschied zwischen Experten und Anbietern?

Die Experten waren generell der Auffassung, dass die Vernetzung innerhalb des Gesundheitswesens und darüber hinaus stark zunehmen muss. Das betrifft die Intensität der Kooperation, aber auch die Zahl der Kooperationspartner. Neuen Anbietern wie Gesundheitsberatern, Managed Care-Organisationen oder – im Falle der Arzneimitteldistribution – auch Drogerien wurde ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Antworten der Anbieterseite dagegen legten eine ganz andere Interpretation nahe. Hier wird eher eine in der Außenperspektive schon fast erstaunliche Konstanz erwartet. Lange etablierte Anbieter wie Ärzte, Krankenhäuser und Apotheker stehen im Zentrum, und das wird auch für die Zukunft so gesehen. Diese Auffassung vertreten nicht nur die etablierten Player, sondern auch neue Anbieter. Nehmen Sie den Medizintourismus, ein Thema, das immer wieder im Zusammenhang mit E-Health-Applikationen genannt wird. Hier haben wir Aussagen von Reiseunternehmen, die diesen Markt heute und in Zukunft allenfalls als eine kleine Nische ohne große kommerzielle Relevanz ansehen.

Was für ein Fazit ziehen Sie daraus?

Ein Fazit ist sicher, dass das Gesundheitswesen eine ausgesprochen konservative Branche ist. Was die Zukunft der vernetzten Versorgung angeht, liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte zwischen den Erwartungen der Experten und denen der Anbieter. Was wir aus den Daten auch abschätzen können, ist das Ausmaß der aktuellen Vernetzung. Wir finden relativ wenige spezifische Strukturen, sondern eher breit gestreute Kooperationen. Im Klartext heißt das, dass der für eine sinnvolle vernetzte Versorgung nötige, klare Fluss von Patienten durch die Netzwerke in der Schweiz zumindest derzeit nicht existiert. Insgesamt zeichnen die Daten sicher ein etwas ernüchterndes, dafür aber realistisches Bild.

Wie bewegt sich der Patient durch diese losen Netzwerke? Wo bekommt er seine Informationen her?

Was die Struktur der Versorgung angeht, decken sich die Einschätzungen von Patienten und Anbietern weitgehend. Auch die Patienten sind konservativ. Wenn sie medizinische Informationen brauchen, fragen sie als erstes ihren Arzt. An dritter Stelle kommt dann aber bereits das Internet. Wenn nach vertrauensvollen Informationen gefragt wurde, erscheint das Internet deutlich weiter hinten. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es einen gewissen Bedarf nach schnell verfügbaren Informationen gibt, der bisher noch nicht optimal befriedigt wird.

Wird sich die Position der Patienten innerhalb der Versorgernetzwerke in absehbarer Zeit ändern?

Das glaube ich schon. Ein Bereich, in dem das Potenzial der digitalen Vernetzung bisher nicht in großem Maße genutzt wird, sind soziale Netzwerke, die sich spezifisch um Gesundheitsthemen kümmern. Es gibt dafür Beispiele im angloamerikanischen Raum, etwa Patients-Like-Me.com, wo sich Patienten mit chronischen Erkrankungen austauschen können. Das steht nicht notwendigerweise im Widerspruch zum traditionellen Versorgungsmodell, im Gegenteil: Diese Plattformen erhalten oft Hilfestellung von Experten. Insgesamt können wir, denke ich, davon ausgehen, dass künftige Netzwerke stärker als bisher qualitativ orientiert sind und den Patienten ins Zentrum stellen.

Was bedeutet das für die technische Ausgestaltung einer digitalen Kommunikation im Gesundheitswesen?

Es bedeutet zumindest, dass ein gewisses Maß an Standardisierung existieren muss, damit die verschiedenen Akteure inklusive der Patienten auch effizient kommunizieren können. Dies wiederum impliziert, dass Instanzen nötig sind, die standardisierte Protokolle und auch Lizenzen zur Verfügung stellen und verwalten. Das heißt nicht zwangsläufig, dass alles zentral gesteuert werden muss. Aber ohne etwas technische Einheitlichkeit werden sich die neuen Netzwerke auch nicht bilden.

Herr Sigrist, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)

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Dieser Artikel wurde im GoDirect: eHealthCare.ch unter www.healthtechwire.ch/ehealthcarech veröffentlicht.

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Quelle: HealthTech Wire für eHealthCare.ch


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